Herz

Veröffentlicht von Hans Castrop 27.04.2011  •  Kommentare(0)

Ich zog in die Leere, durchstreifte die Wüsten; weit weg von den Menschen und ihrem Wahn. Die Einöde nahm all meine Sinne ein; kein Platz mehr für sonst etwas, nur noch Leere, statt Verstand. Die Gedanken die ich allzu oft an die Menschheit verschwendete, ließen mich nicht völlig los, doch sie waren wohltuend gedämpft und schienen bereits mit dem seligen Mantel des Vergessens verhüllt zu werden. Mit immer leichterem und befreiterem Geist zog ich sodann weiter, doch das Fortkommen wurde mir immer schwerer. Meine Augen wurden müde, meine Beine schwer und obwohl ich immer mehr Kraft aufbrachte, allein aus dem Willen heraus fortzugehen, konnte ich bald mein Herz keinen Schritt mehr fortbewegen. Fort von den Menschen, ihrer Grausamkeit und ihren Blicken. Mein Herz wollte nicht fort, es blieb stehen, es schlug weiter, doch es blieb stehen. Trotz aller Vernunft und wider besseren Wissens wollte mein Herz bei den Menschen bleiben. Es wusste, dass die  Menschen ihm nur Leid bescheren würden, doch es wollte nicht noch weiter entfernt von ihnen schlagen. Ich sprach zu meinem Herzen. Ich sagte es solle nicht zurückschauen, es müsse doch erkennen, wie wohltuend die Leere ist, welche Seligkeit in der Einsamkeit liegt. Es antwortete mir, es sei zu schwer und zu schwer sein Sehnen. Es wisse um die Seligkeit der Einsamkeit und fühle sie und darum verdamme und hasse es die Einsamkeit umso mehr. Sie lindere den Schmerz in ihm und trotzdem vergrößere sie ihn. Mein Herz sei glücklich, weil es einsam und fort von den Menschen sei und dem Schmerz den sie bereiten. Es sei schmerzerfüllt, weil es einsam und fort von den Menschen sei und dem Glück, das sie bereiten. Ich wollte mir das Herz aus der Brust reißen um weiter-, um fortzukommen, doch ich konnte nicht. Mein Herz war mir verhasst, doch immer noch teuer. Zu sehr hing ich an meinem Herzen und an den, mir so lieben, Gefühlen, die an ihm hafteten. Ich hing an meinem Herzen und mein Herz an den Menschen. So blieb ich stehen. Mein Geist wollte weiter, mein Herz zurück. Ich blieb wo ich war. So werde ich ewig bleiben. Niemand wird mich finden, denn niemand sucht nach mir. Die Menschen machen sich nichts um das Los eines einzelnen. Also bleibe ich….

Die Geier kreisen bereits über mir.

                                                       Hans Castrop

Viele ereifern sich über Anschauungen die sie in 20 Jahren haben werden.

Jean-Paul Sartre