Andreas Hofer vs. Che Guevara

Veröffentlicht von Carla Thuile 07.02.2011  •  Kommentare(0)

Haben wir junge Leute wirklich so wenig für einen Freiheitskämpfer übrig, wie man glauben mag, wenn man die Reaktionen auf den Namen Andreas Hofer beobachtet? Kopfschütteln, Seufzen, Augenrollen. Nach dem Gedenkjahr haben die meisten von uns die Nase voll vom „Bärtigen“. Dabei wissen die meisten nicht viel über ihn, fragen sich, wo der Bergisl wohl liegt. Dies ist, meine Geschichtelehrerin möge es überhören, auch nicht weiter wichtig, denn um zu verstehen, wer Andreas Hofer war, muss man nicht seine Biografie kennen. Andreas Hofer war zwar eine historische Persönlichkeit, mehr aber ist er eine Symbolfigur, verkörpert Werte. Sind es dann diese Werte, mit denen wir nichts anfangen können? Interessieren wir uns nicht für Freiheit?

Jede neue Generation an jungen Leuten zählt es zu ihren Privilegien, von der großen Freiheit zu träumen. Goethe und Schiller im Sturm und Drang genauso, wie im letzten Jahrhundert die Achtundsechziger. Freiheit ist und bleibt das Ziel Nummer eins jeder neuen Generation, Freiheit, die von der Elterngeneration und dem so genannten System eingeengt wird. Was spricht dann gegen Andreas Hofer als Symbolfigur für unsere Generation? Stoßen wir uns daran, dass er seine Ziele mit Waffengewalt und Blut erreichen wollte? Die Gesellschaft und als ihr verlängerter Arm die Schule lehren uns zwar, Gewalt ist immer böse, der einzig wahre Weg in allen Lebenslagen seien das kultivierte Gespräch und die Kraft der Argumente. Aber wir hören nicht auf die Schule oder die Gesellschaft und (leider) sind es auch nicht die gewaltsamen Methoden, die uns an Andreas Hofer missfallen.

Als bestes Beispiel dafür kann man einen anderen Freiheitskämpfer anführen, der zwar eineinhalb Jahrhunderte später und am anderen Ende des Erdballes agierte, nichtsdestotrotz mit Andreas Hofer nicht nur den Bart gemeinsam hat: Che Guevara. Über ihn wissen wir auch nicht mehr als über Andreas Hofer, kennen kaum seinen richtigen Vornamen. Auch vergoss sein Kampf nicht weniger Blut als der Tiroler Freiheitskampf anno dazumal.

Sind es die politischen Ansichten der beiden Bärtigen, weshalb uns der eine fasziniert und der andere langweilt? Che Guevara war Kommunist, Andreas Hofer kann man guten Gewissens als konservativ bezeichnen, besonders wenn man an seine Beschlüsse zur Sittlichkeit denkt. Niemand würde die jungen Südtiroler als links bezeichnen, auch wenn die Jugend in den vergangenen Jahrzehnten stets nach links tendiert hat.

Doch eine Symbolfigur, was die Bärtigen beide zweifelsfrei sind, machen weniger ihre eigenen Überzeugungen aus, als jene, für die sie im Laufe der Vergangenheit verwendet wurde und ihre Rolle in der jetzigen Gesellschaft. Während Che Guevara in Politik und Geschichte umstritten ist, vermutlich weil sein Wirken kaum ein halbes Jahrhundert zurückliegt, ist Andreas Hofer gesellschaftlich etabliert, wird im Schulunterricht positiv gefärbt und allgemein als „Held“ bezeichnet.

Nicht nur birgt er kein Geheimnis, ist er bis zur Unkenntlichkeit „historisch aufgearbeitet“ worden, vor allem aber fehlt ihm der Charme des verboten Rebellischen, der gerade auf die Jugend so wirksam ist. Vielmehr haftet ihm der Mief von Schützenparade, schwerfälligen Festreden und viel Politik an, wird sein Name häufiger in den Mund genommen, als ihm als Symbolfigur gut tun würde.

Wie kann also jemand, den die älteren Generationen nicht in Frage stellen, gar selbst als Vorbild verehren, für uns junge Leute zur Figur der Freiheit werden? Schließlich erkämpfen wir unsere Freiheit nicht gegen Franzosen und Bayern oder Italiener, sondern lehnen uns wie jede junge Generation aufs Neue gegen Gesellschaft und Elterngeneration auf.

Eingebildete Gleichheit: Das erste Mittel, die Ungleichheit zu zeigen.

Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 723