Getrieben

Veröffentlicht von Lena Wopfner 17.12.2014  •  Kommentare(1)

Getrieben

Ich hatte einmal meine eigenen Entscheidungen getroffen.

Einmal - vor langer Zeit.

Denn meine Gedanken waren nicht mehr meine.

Ich wurde von etwas anderem getrieben.

Früher war ich noch ziemlich normal gewesen. Okay, ein bisschen anders vielleicht. Ich sah nicht so aus wie alle und ich war auch sonst nicht so wie sie gewesen, also immer noch ein wenig anders.

Das früher war nur ein kleines, wenn nicht schon ein mickriges, Anders gewesen. Denn erst jetzt war ich richtig anders. Nur einen Unterschied gab es: Diesmal hatte man mich anders gemacht. Mit fünf Wörtern hatte Er das neue „Anderssein“ besiegelt. Wenn ich die Worte einfach so dahinsprechen würde, wären sie harmlos. Bessergesagt, klängen sie harmlos. Nur die Worte und die Situation, in der ich mich jetzt befand, machten alles so schrecklich. Im Nachhinein hatte ich mein Leben nicht genossen. Es war zwar nie schlimm gewesen, aber es war nie richtiges Leben des Lebens gewesen. Ich hatte es nicht genossen richtig und frei denken zu können.

Und jetzt? Ich lebte noch, na ja, vielleicht in einer anderen Form, aber ganz sicher nicht mehr so wie früher. Jetzt bezeichnete ich mein Leben als Drang, als einen Gedanken, den man mir eingepflanzt hatte. Es war ein fürchterlicher, tötender Gedanke. Denn genau darin bestand meine Aufgabe. Meinen leeren Körper musste ich füllen. Das ging nur mit Furcht und Tod. Früher hatte ich das gehasst. Ich hatte nicht mal den Gedanken so anders zu werden.

Wahrscheinlich hätte ich es auch nie gewollt. Einen toten Körper ohne Seele, bloß eine Hülle, wer wollte so einen denn? Aber das hatte mir ja niemand verraten, als ich mich mit Ihm anfreundete. Er war nett gewesen, im Nachhinein wusste ich, dass er nur nett erschienen war. Seine Gefühle waren rein gar nichts. Er hatte gar keine, so wie ich jetzt auch. Alles Schöne, Schlimme, Schreckliche, Traurige und Hoffnungsvolle war aus meinem Inneren verbannt worden. Es fühlte sich bloß wie eine Erinnerung an ferne Zeiten an- sehr entfernte Zeiten-Jahrhunderte-Jahrtausende. Ich hatte nichts mehr womit ich fühlen konnte. Einfach leblos, aber doch noch auf Erden.

Er hatte früher, als er sich noch als Freund zeigte und wir uns gut gekannt hatten, davon gesprochen. „Ich kann dir ein zweites Leben geben.“

Genau das war es aber nicht. Mein altes Leben hatte er zerstört und mir ein totes Leben gegeben. Kein zweites.

Jeden Abend, sobald die Sonne unterging, machte ich mich von neuem auf die Suche nach dem zweiten Leben. Eine Suche, die beschwerlich und gedankenraubend war, aber trotzdem begann ich jeden Abend von neuem damit.

Alles war geprägt von zwei Gedanken: Einmal von meinem alten und einmal von meinem neuen Ich. Nur, dass sie diesmal auf das Gleiche hinausführten.

Mein altes Ich sagte: Du kannst durch andere versuchen an dein altes Leben zu kommen.

Mein neues Ich sagte: Du musst dich am Leben halten.

Diese Gedanken führten mich jeden Abend in die Stadt und ich begann nach allem, was für mich als richtig erschien, Ausschau zu halten.

Ich sah in den Hotel vorbei, sah in den Bierbuden der Stadt nach, doch mein altes Ich wollte mich zu etwas Anderem führen. Ich musste lange warten und sehen, ob etwas Passendes für mich dabei war.

„Ist doch egal, wen du nimmst. Ein gutes Mädchen hält dich nicht länger am Leben als jedes andere.“ Seine Worte waren noch so klar in meinem Gedächtnis, dass es sich anhörte, als flüstere er es neben mir. Langsam wurden sie immer mehr Teil von mir und fraßen meine anderen Gedanken auf.

Er hatte von einem Leben gesprochen. 

Leben, pah! Ein Nichts war das. Meine Neues, oder wie er es nannte-zweites Leben-, hatte keinen Sinn. Es war nur da, um zu töten.

Ich sprang nach unten, mein Blick war so klar, als wäre es Tag. Aber ich wusste gar nicht mehr wie sich der Blick im Tageslicht anfühlte.

Die Mädchen an der Wand hatten mich noch nicht bemerkt. Ich hatte selbst herausgefunden, dass ich mich nun wie eine Katze bewegen konnte.

Der Drang, der in mir festgesetzt war, lenkte meinen Blick auf den Hals des braunhaarigen Mädchens. Gerne hätte ich meine Augen auf etwas anderes gerichtet, doch das Streben, das ich nun hatte, ließ meinen Blick nur noch schärfer werden und die Pulsader des Mädchens fixieren. Mit großer Anstrengung schaffte ich es, an etwas anderes zu denken, aber schließlich war es viel zu verlockend. Das neue Ich ergriff die Macht meiner Gedanken und ich sah ihre Lebenskraft durch die Adern pochen. Ich hatte keine Kraft mich dagegen zu sträuben und stürmte los.

Meine Suche war damit aber nicht vorbei. Ich konnte erst wieder klar denken, als ich mich auf einen hohen Baum zurückgezogen hatte. Ich wollte mich nicht andauernd mit irgendwelchen anderen Leben vollsaugen. Mein altes Leben wollte ich zurückhaben. In anderen konnte ich es aber nicht finden. Mit ihnen starb immer mehr von meinem alten Leben ab. Auch heute Nacht waren meine alten Gefühle noch mehr in den Hintergrund gerückt. Je länger ich so sein würde, umso mehr würden sie verblassen, bis sie schließlich ganz verschwinden würden.

Meine Seele würde in einem dichten Nebel versinken. Irgendwann würde ich wahrscheinlich nicht mal mehr diese Gedanken haben. Ich wäre dann so wie Er. Ich würde anderen mit genau den gleichen fünf Worten das Leben zerstören. Ich würde dann bloß noch von anderen leben. Die schwarzen Wellen, über denen meine Füße baumelten, würden mir keine Antworten geben, egal wie lange ich sie noch anstarren würde. Es tauchte nur die alte Situation auf. Die fünf Worte hallten in meine Kopf so lange wieder, bis ich die Augen schloss und zuließ, dass sich Bilder formten: Sein Augen hatten damals gefunkelt, sicher war es Stolz gewesen. Aber das Funkeln war rot gewesen. Seine Lider hatten es nicht verbergen können. In meinen geschlossenen Augen sah ich, wie seine Lippen Wörter formten und befahl meinen Ohren sie nicht zu hören. Aber er hatte sie schon gesprochen, sie waren in meinem Kopf und ließen sich nicht verscheuchen. „Jetzt bist du wie ich.“ Dann war sein lächelnder Mund in der Dunkelheit, die keine mehr gewesen war, aufgetaucht. Das Lachen hatte meinen Rückenhaaren befohlen sich aufzustellen, mein Kopf hatte aber gesagt ich solle den Schauder ignorieren, so wie ich früher immer andere ignoriert hatte.

Rückartig öffnete ich die Augen, um die Bilder verdrängen zu können.

So gerne hätte ich in dem Wasser etwas anderes gesehen, als nur schwarz. Früher hätte ich so viel erkennen können. Dann wäre in dem flachen Wasser nach und nach mein eigenes Gesicht entstanden.

Meine Augen waren nun so gut, dass ich es gesehen hätte. Doch ich hatte kein Leben mehr. Spiegel sprechen die Wahrheit, hatte jemand mal behauptet. Bei mir traf es zu. Ich war nämlich schon längst tot. Ich war nur noch ein Körper. Ein leerer Körper, ohne Seele.

Bloß gefüllt mit dem Blut anderer Menschen.

Eine Armee ist bestimmt dann ganz demokratisch, wenn ein Oberleutnant damit rechnen muß, daß sein Rekrut von heute sein Bürovorsteher von morgen sein kann.

Dwight David Eisenhower