This ain't no fairytale

Veröffentlicht von Sophia Flatscher 03.11.2014  •  Kommentare(0)

This ain’t no fairytale

OO. Wunschdenken

 

 

Es zieht sich schon so lange hin. Zwei Monate, wenn ich genau sein soll.

Zwei Monate sind vergangen, seitdem du in mir einen Orkan ausgelöst hast. Du hast ihn ausgelöst, indem du gegangen bist und bis heute verstehe ich nicht, warum.

Du siehst mich nicht mehr an, grüßt mich nur flüchtig, wenn sich unsere Blicke doch mal kreuzen sollten und das alles, weil ich unklug gehandelt habe. Ich war so dumm, dir diesen Text zu schreiben. Ich wollte das nicht, aber mir wurde alles zu viel.

Heute stehst du wieder da, redest und lachst mit deinen Freunden, die auch meine Freunde sind, weil wir zusammen zur Schule gehen, ich in deine und du in meine Parallelklasse. Aber heute soll es anders ablaufen als sonst, heute will ich endlich mutig sein. Fest habe ich mir vorgenommen, dich heute zu sprechen, dir alles zu sagen, was ich denke und fühle, fest habe ich mir vorgenommen, nicht mehr zu weinen; zumindest nicht heute, nicht vor dir.

Ich sehe dich aus traurigen Augen an und obwohl du meinem Blick stetig ausweichst, weiß ich, dass du ihn spürst. Was meine Freundinnen sagen, höre ich gar nicht, ich wiederhole nur stumm die Worte, die ich dir sagen möchte, damit ich sie nicht vergesse. Meine Freundinnen gehen, eine nach der anderen verlässt die Sitzecke, in der wir gemeinsam sitzen, eine nach der anderen geht ihren Verpflichtungen nach, ganz so, als wüssten sie, was ich tun will. Sie kennen mich.

Auch deine Freunde gehen, bald wirst du alleine da stehen und ich weiß, dass du den Weg ins Bad suchen wirst. Ich kenne dich.

 

Du bist nun endlich alleine und wie erhofft, gehst du ins Bad und ich warte. Die Sekunden werden zu Minuten, endlos langen Minuten und ich kann das Ticken meiner Armbanduhr hören, meinen Herzschlag deutlich fühlen, so still ist es plötzlich um mich herum. Ich schließe meine Augen und wiederhole die Worte, die ich dir sagen will wie ein Gebet, damit ich sie bloß nicht vergesse.

Die Tür geht auf und du kommst heraus, willst mit schnellen Schritten weg und ich weiß, dass ich der Grund dafür bin. Aber heute läuft es anders ab, heute will ich mutig sein.

Ich stehe auf und erhebe meine Stimme, leise kommen die Worte über meine Lippen, so leise, dass ich befürchte, du würdest sie nicht hören: „Bitte warte …“

Du bleibst stehen und siehst mich an. Du wirkst angespannt, hast nicht mit meiner Reaktion gerechnet und unsere Blicke kreuzen sich. Deine blauen Augen lassen mich ertrinken und ich erinnere mich wieder daran, warum ich mich in dich verliebt habe und nicht in einen anderen. Aber dafür ist jetzt keine Zeit. Handle!

„Ich möchte mit dir sprechen.“

Ich bekomme keine Antwort von dir, du gehst nur auf mich zu, die Augen den Boden betrachtend, du setzt dich, ich setze mich und sehe dich an.

 

„Sieh mich an …“, verlange ich leise flehend von dir und kann nun die Furcht in deinen Augen erkennen.

„Ich habe mich stets an das gehalten, was du verlangt hast. Du hast gesagt, du willst mich aus deinem Leben streichen und ich habe alles getan, um dem gerecht zu werden.“

„Verzeih mir …“, meine Stimme lässt die aufsteigenden Tränen erahnen, „Ich konnte meine Gefühle nicht zurückhalten. Ich habe es nicht geschafft, dich aus meinem Leben zu löschen, denn all die schönen und schrecklichen Erinnerungen toben in mir wie ein Sturm. Ich bereue es … Aber ich kann es nicht rückgängig machen.“

Du siehst mich nicht mehr an und seufzt.

„Warum hast du es hingenommen? War dir der Kampf um eine Freundschaft etwa nichts wert? Nichts wert, weil ich dir absolut nichts mehr bedeute?“, frage ich dich und ich kann nicht verhindern, dass der Drang zu weinen immer stärker wird.

„Das ist nicht wahr. Ich habe einfach keine Chance zum Kampf gesehen. Und …“

„Und da gibst du lieber auf?“, beende ich deinen Satz und die erste Träne rollt über meine Wange.

„Ich …“, du brichst ab und schaust zu Boden.

„Ich habe immer wieder zu kämpfen versucht, ich kämpfe heute noch … Aber ich habe eine Grenze erreicht und werde nur weiterkämpfen, wenn du es auch willst.“

 

Schweigen umhüllt uns. Ich weiß, dass du dir unsicher bist, große Redner waren wir beide nie und werden es vermutlich nie sein. Tränen fließen unaufhörlich meine Wangen hinab, ich kann mir ein leises Schluchzen nicht verkneifen und schäme mich meiner Schwäche.

„Ich weiß nicht, was ich eigentlich will …“, bringst du schließlich hervor, du weichst meinem Blick dennoch aus.

„Erleichtere ich dir deine Entscheidung, wenn ich dir sage, dass ich dir schon längst vergeben habe?“

Meine Stimme ist nichts weiter als ein leises, kratziges Flüstern.

Endlich siehst du mich an. Ratlosigkeit steht dir ins Gesicht geschrieben und ich weiß, dass ich die Entscheidung gefällt habe. Jetzt gibt es nur noch zwei Antworten.

„Gib mir Zeit“, flüsterst du mir zu und ich nicke.

Du sollst dieses Mal genug Zeit bekommen, genug Zeit, um deine Taten von vor zwei Monaten nicht noch einmal zu wiederholen. Du stehst auf und gehst. Doch bevor du endgültig verschwindest, wischst du mir eine Träne aus dem Gesicht.

 

 

Eine Woche ist vergangen. Zeit zum Nachdenken hattest du also genug.

Ich sitze wieder in der Sitzecke bei meinen Freundinnen, du stehst bei deinen Freunden, doch ich weiß, dass du nur an mich denkst. Du hast deine Entscheidung gefällt und ich weiß nicht, ob ich sie hören will. Ich warte auf Abweisung und darauf, dass ich dich vergessen muss.

Ich bemerke nicht, dass du plötzlich hinter mir stehst. Ich bemerke es erst, als meine Freundinnen plötzlich grinsend die Runde verlassen und du dich mir gegenüber setzt. Die Furcht ergreift mich und traurig blicke ich zu dir auf.

„Ich habe mich entschieden“, beginnst du, dein Tonfall ist ernst und ich verstehe schon, dass ich dich vergessen muss.

„Rede nicht weiter, ich kenne deine Antwort bereits. Du willst also keine Freundschaft mit mir eingehen …“

Schon wieder diese vermaledeiten Tränen.

„Nun ja, das trifft es nicht ganz.“

Verwirrung überkommt mich. Was meinst du damit? Fragend sehe ich dich an, doch du schaust wieder gen Boden.

„Ich habe Angst, große Angst. Angst, dich wieder zu verletzen. Ich möchte keine Freundschaft eingehen, aber“, du holst tief Luft, „ich möchte das Wir noch einmal versuchen.“

Ich realisiere deine Worte nicht. Das Wir?

Keine Silbe verlässt meine Lippen, ich muss aussehen wie ein Fisch, der seinen Mund immer wieder auf und zu klappt. Aber du lächelst, stehst auf und flüsterst: „Nicht weinen …“

Tatsächlich, ich weine. Warum? Vor Freude? Vor Schmerz? Vor Erleichterung?

Ich weiß es nicht mehr und spüre nur noch deine sanfte Umarmung, die mich all die schlaflosen Nächte und all die Ängste vergessen lässt und mich daran erinnert, warum ich dich immer noch liebe.

 

 

Als ich die Augen öffne, bin ich alleine in meinem Zimmer, liege auf der Matratze und schaue auf den klingelnden Wecker. Dieser Traum war zu schön, um wahr zu sein.

Doch das Leben ist kein Märchen und wird es niemals sein. Leider …

 

© Gegenwind

 

In der Nacht hat der Mensch nur ein Nachthemd an, und darunter kommt gleich der Charakter

Robert Musil