Die verlorene Zeit

Veröffentlicht von Judith Weinhäupl 23.10.2014  •  Kommentare(1)

Die verlorene Zeit Langsam landete eine schöne weiße Schneeflocke auf einem Kunstgrasstreifen in einer Großstadt. Verwirrt sah sie sich um. Hier wollte sie doch nicht hin! Wo waren denn die großen Wiesen hingekommen, die sie vorhin noch gesehen hatte? Um sie herum fand sie nur graue Betonblöcke, die fürchterlich ausladend aussahen und kalt wirkten. Eine Frau kam vorbeigelaufen. Als ihr Handy läutete, blieb sie stehen und fischte es aus ihrer Lederhandtasche. "Ja, ich komme ja schon!", bellte sie hinein und begann abermals zu laufen. Warum hatte es die Frau so eilig? Sie hatte doch alle Zeit der Welt! In ihrer Eile rempelte sie einen kleinen Jungen um, und machte sich nicht einmal die Mühe, sich bei ihm zu entschuldigen oder ihm aufzuhelfen. Sie lief einfach weiter. Vorbei an einem halb erfrorenen Bettler, der an eine Ecke gekauert saß, ohne ihm vielleicht ein Geldstück zuzuwerfen. Zitternd stand der kleine Junge wieder auf richtete seine Mütze, als ihm eine Schneeflocke auf der Nase landete. Er verzog das Gesicht zu einem Lächeln und begann, herumzulaufen und zu lachen. Einige vorbeieilende Leute warfen ihm vorwurfsvolle Blicke zu, denn spielen und Spaß haben war anscheinend nicht erlaubt. Plötzlich spürte die Schneeflocke ein seltsames Gefühl- ein Gefühl, das sie nicht einordnen konnte. Erst als sie an sich heruntersah, bemerkte sie, dass sie schmolz. In den paar Momenten, die sie als Schneeflocke noch hatte, sah sie den Jungen der Zeit hatte, um fröhlich zu sein, und die eiligen Leute, die überhaupt gar nicht lustig sein wollten. Kurz stieg Wärme in ihr auf und sie wurde zu einem kleinen Wassertropfen der langsam in das Kunstgras hineinsickerte. Nächstes Jahr würde sie die Chance haben, an einem netteren Ort zu landen und vielleicht auch liegen zu bleiben.

Wenn man eine Eiche pflanzt, darf man nicht die Hoffnung hegen, nächstens in ihrem Schatten zu ruhen.

Antoine de Saint-Exupéry