Engel sagen nur Leb wohl

Veröffentlicht von Sophia Flatscher 23.08.2014  •  Kommentare(2)

Engel sagen nur Leb wohl

 

 

Es regnet. Seit Jahren regnet es. Nur für mich. Nur über mir.

Ein Schleier aus silbernen Fäden trübt meine Sicht. Es ist kalt. Mir ist kalt. Ich bin nass.

Von Kopf bis Fuß bin ich durchnässt, meine Kleidung, mein Haar, meine Haut.

Ich stehe alleine auf einem Weg, meinem Weg. Ich will nicht, dass jemand kommt.

Es ist mein Weg, niemand soll hier sein, ich will allein sein, alleine mit mir, meinem Regen, meinem Weg. Ich will nicht, dass mir die Menschen zu nahe kommen, will nicht, dass sie nass werden, nass werden von meinem Regen. Will nicht, dass sie spüren. Dass sie meinen Regen spüren, ich will nicht, dass sie schmecken. Will nicht, dass sie schmecken, dass der Regen salzig ist. Will nicht, dass sie merken, dass der Regen meine Tränen sind.

Ich will nicht, dass sie mir in die Augen schauen, will nicht, dass sie sehen, was in meinen Augen ist, will nicht, dass sie sehen, wie ich weine.

 

Es ist dunkel. So dunkel, dass ich nur meinen Regen sehen kann. Kann nur in den Schleier meines silbernen Regens blicken, nicht meine Hand, nicht meinen Körper, nicht meinen Weg. Nichts.

Es ist still. So still, dass ich nur meinen Regen hören kann. Kann nur den Klang meines silbernen Regens hören, nicht meinen Atem, nicht mein Herz, nicht den Wind. Nichts.

Ich bin allein. Allein mit meinem Regen, dem Klang meines Regens, allein mit mir. Allein mit mir, der Wolke über mir, die stärker anfängt, mich mit den silbernen Fäden meines Regens zu bedecken. Allein mit mir, meiner Wolke. Meiner Wolke, die mich mit Tränen durchnässt. Meinen Tränen.

Allein mit meinen Tränen, meiner Wolke, mir, meinem Regen …

 

Sonne. Nein, keine Sonne, ein Licht, ein Licht in der Ferne. Ein strahlendes, weißes Licht. Ein warmes Licht, ein warmes Licht, das meinen Namen ruft. Ein warmes Licht, das meinen Namen ruft und mich zu sich winkt.

Ich laufe. Ich laufe im Regen, laufe dem warmen Licht entgegen. Dem Licht, das meinen Namen ruft und mich zu sich winkt. Ich laufe schneller, immer schneller, so schnell, wie meine Füße laufen können. Der Regen wird langsamer, der Regen, mein Regen, meine Wolke bleiben hinter mir zurück. Ich bin nass, immer noch so nass, dass das Laufen schwer fällt, aber ich laufe weiter, immer weiter, laufe auf das Licht zu, auf das Licht, das meinen Namen kennt.

Das Licht kommt nicht näher, ich laufe schneller, immer schneller, ich stolpere fast, aber es ist egal, meine Füße tragen mich weiter und immer weiter. Weiter zu dem Licht, das immer weiter von mir weg rückt.

 

Da steht jemand. In dem Licht steht jemand, ruft meinen Namen, winkt mich zu sich. In dem warmen Licht steht jemand, der meinen Namen kennt und mich zu sich ruft, zu sich ins Licht, fort von der Dunkelheit, fort von dem Regen. Fort von meiner Dunkelheit, meiner Wolke, meinen Tränen.

Ich bin immer noch nass, aber nicht mehr so sehr, ich höre den Wind und die wunderbare Stimme, die meinen Namen ruft. Das Licht gleitet weiter nach hinter, ich laufe schneller, so schnell, dass ich glaube, ich fliege.

Ich rufe, rufe zu dem Licht, zu dem Jemand, der im Licht steht. Rufe, er soll warten, warten auf mich, ich kann nicht so schnell laufen. Rufe, immer lauter, laufe immer schneller, das Licht bleibt stehen und kommt endlich näher.

Ich laufe immer weiter immer schneller, sehe den Jemand, der in dem Licht steht, in dem warmen Licht steht, mich zu sich winkt und meinen Namen ruft. Er lächelt. Der Jemand, der meinen Namen kennt, lächelt mir zu, breitet seine Arme aus, vertreibt die Dunkelheit um mich, lässt mich Wärme fühlen.

 

Ich sehe ihn ganz deutlich. Eine lichte Gestalt, ein Engel. Ein Engel, der mich beim Namen kennt, mir zu lächelt und mich herwinkt. Ein Engel, der mir Licht schenkt, ein Engel, der mich befreit von dem Regen, der Dunkelheit. Der mich befreit von meinem Regen, meinen Tränen, meiner Dunkelheit.

Das Licht ist ganz warm, es wird immer heller, ich laufe noch schneller, zu dem Jemand, der in dem Licht steht. Ich keuche, ich kriege kaum noch Luft, doch es ist egal, denn es ist um mich nicht mehr dunkel, es ist hell, es ist warm.

Der Engel streckt seine Hand nach mir aus, ich will danach greifen, ich bin nicht nah genug. Meine Schritte werden größer, die Hand hat er noch hingehalten, ich will sie greifen, nein, ich bin noch zu weit weg.

Näher, immer näher komme ich zu der Hand, es ist warm, es ist heiß, es ist hell, so hell, ich sehe kaum noch etwas, sehe nur die Hand vor mir, höre meinen Namen, höre den Engel meinen Namen sagen.

Nur noch ein kleines Stück, fast bin ich bei der Hand, die er mir entgegenstreckt.

 

Ich greife nach der Hand, sie hält mich fest, ich stehe mit der Gestalt im Licht. Stehe in dem warmen Licht mit der Gestalt, die mich beim Namen kennt, die mich geholt hat aus der Dunkelheit, gebracht hat ins Licht. Ich bin nicht mehr nass, bin trocken, mir ist nicht mehr kalt, mir ist warm, ich kann sehen, fühlen, hören.

Ich stehe in diesem Licht, das Licht, das mir der Engel geschickt hat. Stehe hier in dem Licht, mit dem Engel, der es mir geschickt hat, halte seine Hand, sehe ihn an, lächle ihn an. Er lächelt zurück, nennt mich beim Namen.

Ich kenne seinen Namen nicht, will danach fragen, kann nichts sagen, bleibe stumm. Will ihm danken, will ihm für alles danken, will ihn fragen, wer er ist, will den Engel nach seinem Dasein fragen, will ihm danken, danken für alles. Mein Mund bleibt geschlossen, kein Wort verlässt meine Lippen, ich sehe ihn an, sehe ihn entsetzt an, aber er hält meine Hand und lächelt.

 

Wir stehen da. Stehen Hand in Hand in dem warmen Licht, sehen uns an, lächeln uns an, ich weiß nicht, wie lange wir schon hier stehen. Will nicht weg von dem Engel, will nicht weg von dem Licht, nicht zurück in die Dunkelheit, zurück zu dem Regen, zurück zu meiner Wolke, die mich mit meinen Tränen durchnässt.

Will den Engel alles fragen, alles und nichts, doch ich bleibe stumm, kann nichts sagen. Ich habe Angst. Angst, dass der Engel verschwindet, dass er verschwindet und mit ihm das Licht, will nicht alleine sein, will nicht mehr länger alleine sein auf meinem Weg, will nicht mehr alleine im Regen stehen, in meinem Regen, will, dass mir jemand die Tränen wegwischt, damit sie mich nicht ertränken.

Will dass der Engel bei mir bleibt, will, dass er mich auf meinem Weg begleitet, will, dass er mir meine Tränen wegwischt, damit ich nicht ertrinke.

Wir stehen da, schweigend, er lächelt, ich sehe ihn an. Noch immer will ich ihm etwas sagen, aber mein Mund will nicht, ich bekomme ihn nicht auf, ich bin verzweifelt, der Engel könnte es falsch verstehen, sich von mir anwenden und gehen.

 

Ich zittere, der Engel sieht mich an. Der Engel, der mich beim Namen nennt, der mich geholt hat aus der Dunkelheit, sieht mich an. Sieht mich an, ohne zu lächeln, lässt meine Hand los, sieht mich immer noch an und geht einen Schritt zurück.

Will schreien, will ihn am Gehen hindern, aber mein Körper macht nicht das, was ich will. Ich bin steif, meine Lippen sind verschlossen, kein Ton kommt aus meinem Mund, mein Körper bewegt sich nicht, kann ihn nicht festhalten, muss mit ansehen, wie er verschwindet.

Er verschwindet, der Engel, der meinen Namen kennt, mich zu sich gewunken hat, mich aus der Dunkelheit geholt hat, verschwindet, löst sich auf in Luft, lässt nichts von sich zurück.

Das Licht erstirbt. Das Licht, das so warm ist, erstirbt, wird kalt, wird schwächer, es wird wieder dunkler. Zurück bleibe ich, noch immer unbeweglich, noch immer stumm, kann nichts tun, kann nicht schreien, kann nicht wegrennen, kann nicht meine Augen schließen, damit alles ganz schnell vorbei geht.

Es wird stiller, so still, dass ich nicht mehr den Wind höre, nicht meinen Atem, nicht mein Herz. Ich weiß nicht, ob mein Herz noch schlägt, weiß nicht, ob ich noch atme, ich kann nichts hören, bin taub. Ich kann nichts sagen, bin stumm. Kann nichts fühlen, kann nicht gehen, keinen Muskel bewegen.

 

Es wird dunkler, immer dunkler um mich herum. So dunkel, dass ich nur noch die Silberfäden sehen kann, die meinen Blick trüben. Kann nur den Regen sehen, der mich einhüllt, meinen Regen, der mich durchnässt, mein Regen, der salzig schmeckt, mein Regen, von dem ich weiß, dass es meine Tränen sind, die mich nach und nach ertrinken lassen.

Ich weiß, dass er nicht wiederkommen wird. Weiß, dass es kein Licht mehr geben wird. Ich weiß, dass Engel nie auf Wiedersehen sagen. Engel sagen nur Leb wohl.

Der Fortschritt der Menschheit besteht in der Zunahme ihres problematischen Charakters.

Egon Friedell