(ENT) SCHEIDUNG

Veröffentlicht von Sophie Huber 23.03.2014  •  Kommentare(0)

(ENT) SCHEIDUNG

 

Ich bin kein Mensch, der sich etwas schönreden kann, sich aus etwas herausredet oder überhaupt gerne redet. Ich bin wie ein Stein. Ich bin still, bleibe am liebsten ,wo ich von Anfang an hingehöre – beschwere mich aber auch nicht, wenn man mich irgendwo anders hinplatziert, ich lasse andere mein Leben bestimmen.

 

Mein Mann und ich schweigen uns nun schon seit mindestens 25 Jahren an. Auch er ist kein großer Redner. Genau das hab ich früher an ihm geschätzt. Es gefiel mir, dass wir uns so ähnlich waren. Und als er mir per Brief einen Heiratsantrag machte, dachte ich sofort an den Spruch auf meinem Kalender – Gegensätze ziehen sich an- Gemeinsamkeiten ziehen sich aus. Hauptsächlich wegen dieses Spruches haben wir also geheiratet.

Leider zogen wir uns nicht so oft aus wie erhofft. Vielmehr spielten wir jeden Abend Scrabble. Das Spiel war wie für uns gemacht. Man musste nicht reden. Es war still.

 

So spielen wir auch diesem Abend wieder Scrabble. Es ist wie immer- still. So still, dass ich seinen Atem hören kann und sein Schlürfen. Ich hasse sein Schlürfen. Trotzdem mache ich ihm jeden Tag einen Kamillentee Tee? zur Beruhigung. Mich selbst beruhigt der Tee ganz und gar nicht. Diese schreiende Stille. Irgendwann würde ich noch verrückt werden. Bei jedem Uhrticken erschrecke ich und bei jedem Räuspern komm ich mir vor wie neben einer übertrieben lauten Discobox. Ich würde gerne schreien. Aber niemand würde mich hören. Mein Mann, der mir so fremd ist, würde mich kurz anschauen und dann ein nächstes Wort aufs Spielbrett legen. Vielleicht würde der Goldfisch im Aquarium etwas schneller schwimmen. Vielleicht auch nicht.

Der Fremde mir gegenüber legt das Wort ENTSCHEIDUNG. Wie oft er dieses Wort in den 25 Jahren unserer Ehe schon gelegt hatte. Zu oft. Wie oft ich mich schon entscheiden(,) musste, welches Wort ich als nächstes legen würde. Mir fallen ungefähr 32 Wörter ein, die ich legen könnte. Aber nur ein Wort ist wirklich passend.

 

Langsam und leise bewege ich meine Hand Richtung Spielbrett. Ich lege kein neues Wort. Viel zu oft habe ich schon ein neues Wort gelegt. Stattdessen nehme ich drei Buchstaben vom Wort Entscheidung weg, E N und T. Der unbekannte Fremde mir gegenüber starrt mich verwundert an. Er denkt sich wohl, ich hätte das Spiel nach all den Jahren verlernt. Ich schüttle den Kopf. Gehe ins Ehezimmer und packe meine Koffer.

 

Ohne ein Wort zu sagen, verlasse ich das Haus. Kaum auf der Straße angekommen schreie ich los. Ich schreie und schreie. Am liebsten würde ich nie wieder aufhören zu schreien. Ich habe meine Entscheidung getroffen. Ich will kein Stein mehr sein. Niemand darf mich mehr irgendwohin platzieren- ich werde einfach wegfliegen. Nun bin ich leicht und immer unterwegs. Ich bin eine Feder.

 

Die bedauernswürdigsten Menschen sind die gewissenhaften, denen das Leben unerfüllbare Pflichten aufgebürdet hat.

Marie von Ebner-Eschenbach