Sternennacht

Veröffentlicht von Judith Weinhäupl 25.01.2014  •  Kommentare(1)

                                                                Anna

Ein Knarren. Schritte. Irgendjemand war da. Anna knipste das Licht an und sah sich in ihrem Zimmer um. Natürlich! Die Tür. Sie stand offen! Sofort huschte sie hin, schob den Riegel vor und lehnte sich dagegen. Sie spitzte die Ohren und lauschte. Nein. Es war alles nur Einbildung gewesen. Trotzdem stieg Angst in ihr auf. Wäre sie doch bloß nicht alleine zu Hause geblieben! Ihre Tante war auf einem Seminar und ihre Eltern… tja, ihre Eltern waren bei einem Schiffsunglück in der Karibik uns Leben gekommen. Nach dem Lichtschalter tastend huschte sie zurück in ihr warmes Bett, kuschelte sich in ihre Daunendecke und richtete ihren Blick hinauf zur Decke. Kleine Tränen glitzerten in ihren Augenwinkeln, als sie an den Abschiedsbrief ihrer Mutter dachte, der nur durch Zufall zwischen den Trümmern des Wracks gefunden worden war. Geschwister hatte sie auch keine, sie war mittlerweile an das Leben eines Einzelkindes gewöhnt. Mit dem Handrücken wischte sie sich die Tränen aus den Augen und starrte weiterhin auf die Decke. Tanzende Schatten zeichneten sich auf ihr ab, wenn ein Auto verbeifuhr. So als ob sie sie trösten wollten. Müdigkeit stieg in ihr auf und sie schloss die Augen. Nein- es wollte heute irgendwie nicht klappen. Alleine und in der Finsternis den Autoschattentänzern ausgesetzt konnte so leicht keiner einschlafen. Sie streckte den Arm aus und tastete nach der Taschenlampe, die irgendwo neben dem Bett liegen musste. Doch- da war keine Taschenlampe mehr, stattdessen lag dort etwas Felliges, und vor allem… Lebendiges! Eine kalte Schnauze schnupperte an ihrer Hand. Ein Schnurren. „Tina! Du bist es! Du hast mir einen ordentlichen Schrecken eingejagt!“, seufzte sie erleichtert. Tina war eine der drei Katzen, die sich miteinander die riesengroße Villa mit den Labyrinth artigen Gängen in der Anna und ihre Tante wohnten, teilten. Schnurrli, ein Kater mit einem braunen Fell, Maunzi, eine Katze so schwarz wie die Nacht und Tina selbst. „Du beschützt mich doch heute Nacht, oder?“, flüsterte sie, bevor sie beruhigt in das Land der Träume überglitt. Freibad, war ihr erster Gedanke, noch bevor sie überhaupt aufgewacht war. Freibad. Sie schlug die Augen auf. Komisch. Es war so schwül und finster. Sie schnappte nach Luft. Warme Luft. Ihr wurde schwindelig. Wenn sie nicht bald an frische Luft kam, würde sie wahrscheinlich ersticken. Die Hitze war so schwer und drückend, doch da war auch etwas Kühles und nasses das an ihrem Ohr klebte. Jetzt begriff sie. Igittigitt! Sie schubste das schwere etwas von ihrem Gesicht und sog gierig die Luft ein. In ihrem Kopf hörte es langsam auf, sich zu drehen. „Tina! Tolle Weck-Aktion!“, kicherte sie und wischte sich den klebrigen Speichel vom Ohr. Die Decke zurückschlagend setzte sie sich in ihrem Bett auf und warf einen Blick zum Fenster. Draußen schien die Sonne und blendete sie. Gähnend stand sie auf, kletterte über das umgekippte Bücherregal, um den Vorhang zuzuziehen. Moment mal- das umgekippte Bücherregal? Jetzt erst sah sie, wie es in ihrem Zimmer aussah: Das Bücherregal lag umgekippt, die Schultasche war umgestülpt und die ganzen Schulsachen waren in ihrem Zimmer verstreut worden, der Blumentopf stand nicht mehr auf seinem Platz am Schreibtisch, sondern war mutwillig zerstört worden, die Blume war im Eimer. Und das Schlimmste: Die Tür stand offen. Kurz stand Anna wie angewurzelt da und schluckte. Sie hatte sie doch gestern verriegelt! Und zwar hundertprozentig! Jemand war heute Nacht in ihrem Zimmer gewesen. Und dieser Jemand hatte etwas gesucht. Nein. Wahrscheinlich hatte ihre Tante noch kurz heraufgeschaut, um gute Nacht zu sagen. Aber so ganz sicher war sie sich dann doch wieder nicht. Sie beschloss, mit ihren Ermittlungen erst zu beginnen, wenn sie das Regal aufgestellt hatte. Mit großer Anstrengung schob sie ihre Finger darunter und versuchte mit aller Kraft, es hinauf zu stemmen. Doch es funktionierte nicht. Nachdem sie einen Sessel dazwischen aufgestellt hatte, schaffte sie es nach mehreren Versuchen. Erschöpft stützte sie sich mit der Hand dagegen und atmete durch. Der Sturz des Regals hatte einige Bücher in Mitleidenschaft gezogen. Krabat fehlte, zu Annas Bedauern, der Buchdeckel, und bei Harry Potter und die Heiligtümer des Todes waren einige Seiten durch die Wucht des Aufpralls herausgerissen worden. Sie wollte sich bücken um sie aufzuheben, doch sie klebte fest. Sie hatte genau in einen silbrig glibbrigen Schleim gegriffen, der so fest klebte, dass es nicht mal Herkules es geschafft hätte, ohne Hilfe davon wegzukommen. Mit aller Kraft die sie besaß, zog sie sich nach unten und konnte den Buchdeckel von Krabat mit den Fingerspitzen erreichen. Das Regal schwankte gefährlich. „Tut mir leid, alter Freund!“, murmelte sie und zwängte ihn dazwischen. Ein Ruck und- sie war frei! Doch auf ihre Erleichterung folgte ein Schock. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass in fünf Minuten der Bus kommen musste. „Oh Mein Gott! Das darf doch nicht wahr sein! Was denn noch alles?“, in panischer Hast suchte sie sich ihre Lieblingsklamotten zusammen und zog sich, während sie die Stiege hinunterstolperte, das T- Shirt mit Blumenaufdruck zurecht und streifte die rot- blau karierte Weste gerade. In Windeseile hastete sie in die Küche, schnappte sich ein Brötchen und schlüpfte im Stiegenhaus in ihre Jacke. Hoffentlich würde sie es noch schaffen! Sie rannte und ihre Lungen brannten bei jedem Atemzug. Oh, warum war diese verfluche Schultasche immer so schwer und mit allen möglichen Hausaufgaben gefüllt? Sie bog um die Ecke am Bäckerladen vorbei. Ein betörender Duft von frisch gebackenen Mohnzöpfen wehte ihr entgegen. Sie riss sich zusammen, steuerte auf den Kirchenplatz zu und rannte fast eine Frau mit einem Hund um. Mit letzter Kraft schleppte sie sich die letzten paar Meter zur Bushaltestelle, wo ein kleinerer Junge, vielleicht aus der ersten Klasse, in den Bus stieg. Gerade noch rechtzeitig! Sie plagte sich mit ihrer 10 Kilo Schultasche zum nächstbesten freien Platz und ließ sich fallen. Das war noch mal gutgegangen! Aber trotzdem wäre sie fast zu spät gekommen! Und daran war nur dieser Schleim schuld! Sie beschloss ihre beste Freundin Kathi zu fragen, was sie für eine Vermutung haben könnte. Schließlich war Kathi Biologie- Expertin.

In unserer Jugend schuften wir wie Sklaven, um etwas zu erreichen, wovon wir im Alter sorgenlos leben könnten; und wenn wir alt sind, sehen wir, daß es zu spät ist, so zu leben.

Alexander Pope