Das Märchen vom kleinen Lipo

Veröffentlicht von Gabi Fichte-Tannenbaum 06.01.2012  •  Kommentare(1)

Das Märchen vom kleinen Lipo

Es war einmal ein kalter Winterabend. Die Dunkelheit lag bereits tief über dem Wald, als sich drei Freunde auf den Heimweg von einer Feier machten. Es schneite heftig, der Boden war mit dicken Flocken bedeckt, doch plötzlich entdeckten die drei Freunde ein kleines braunes Etwas am Wegrand. Vorsichtig näherten sie sich und bückten sich danach. Es handelte sich um ein großes braunes Tierei. Plötzlich drang leises Wimmern durch die Schale nach außen, die Freunde stutzten.
Nein, halt, ein Ei kann nicht weinen. Und Schnee lag an jenem Tag auch keiner, geschweige denn wären die drei Freunde durch einen düsteren Wald spaziert. Aber was tut man nicht alles für eine märchenhafte Atmosphäre!
Die Freunde nahmen das Ei mit nach Hause und betrachteten es im dämmrigen Licht der Küchenlampe. Keiner der drei hatte jemals so etwas gesehen. Behutsam betteten sie das Ei auf dem Ofen und nach einem guten Abendessen gingen sie schlafen.
Als sie am nächsten Morgen erwachten, war das Ei zerbrochen. Von seinem Inhalt fehlte jede Spur. Die drei Freunde durchsuchten das ganze Haus, bis sie schließlich eine heillose Unordnung im Bücherregal entdeckten.
Inmitten von offenen Bücher saß ein kleines grünes Tier. Es hatte schmale Tatzen, einen langen Schwanz und spitze Ohren. Verdattert grinste es die drei Freunde an. Die Freunde sahen sich fragend an, dann versuchten sie das Tier mit Milch zu füttern. Doch weder Milch, noch Nudel noch Fleischreste sah das Kleine an. Alles, für das es sich interessierte, waren Bücher.
Stundenweise saß es zwischen aufgeschlagenen Büchern, blätterte mit einem seltsamen langen Zeh darin und steckte immer wieder die Nase tief zwischen die Seiten. So ging es eine Weile weiter und das Tier wuchs Tag um Tag. Schließlich gelang es den Freunden das kleine Lipo bei seinem Bücherbeschnuppern unbemerkt zu beobachten. Das Tier leckte sanft und  trocken über die Seiten, strich mit der Zunge exakt zwischen den Zeilen durch. Endlich wurde den Freunden klar, dass das Lipo sich von dem ernährte, was zwischen den Zeilen geschrieben stand.
Das Lipo wuchs weiter, bis es schließlich eines Tages verzweifelt vor dem Bücherregal hockte und weinte. Es hatte Hunger, Hunger nach neuen Büchern und Texten. So packten die Freunde das Kleine, das mittlerweile schon recht groß war, in eine Sporttasche und schmuggelten sie es in die Bibliothek, wo sie ihm in einer ungestörter Ecke (Sachbuchabteilung Altgriechisch) ein Nest einrichteten. Dort döst das Lipo von nun an tagsüber, und nachts, wenn es sich unbemerkt durch die Regalreihen bewegen kann, leckt es Buch um Buch das Zwischen-den-Zeilen heraus. Und wenn das Lipo nicht gestorben ist, so leckt es noch heute glücklich Bücherinhalte in sich hinein...

Nichts verleitet so leicht zum Aufgeben wie der Erfolg.

Aldous Huxley