Ein Gespr├Ąch

Veröffentlicht von S. K. 24.07.2011  •  Kommentare(1)

Ein Gespräch

 

 

„Was ist los mit dir? Fühlst du dich nicht gut in letzter Zeit?“ Sie sitze am Esstisch, und während er das Geschirr halb treu und einigermaßen bei Sinnen wusch, hörte er mit einem Ohr dieser Frage zu, einer einfachen Frage, die sich selbst erklärte und vor der er sich in diesem Moment mit Ahnungslosigkeit konfrontiert sah. Er hielt einen Moment inne, denn nun war schließlich die Situation eingetroffen, der er mit vorbeugenden Gedankengängen geschickt aus dem Weg zu gehen versuchte, und welcher er vor seinem geistigem Auge in Ehrfurcht und Respekt vor seiner Freundin schon vorher einige kleine verpackte Gedankenpakete als Antworten servieren konnte. Nun waren aber all diese präventiven Antworten nicht mehr in seinem Kopf zu finden, stattdessen machte sich eine ausdruckslose Leere in seinem Verständnis breit, er wusste in diesem Moment nur das warme Wasser zu fühlen, in welchem die kleinen Essensbrocken aus Pfanne und Topf verloren an der Oberfläche trieben, wie kleine Holzfloße in einem Sumpf voller bunt schimmernden Seifenblasen.

Er musste sich anstrengen zu überlegen, was er nun sagte, und versuchte etwas Zeit zu gewinnen, indem er sie nach dem Grund für ihre Bedenken fragte. „Mache ich den Eindruck, das etwas nicht stimmt? Was treibt dich zu dieser Frage?“ sie widmete sich wieder ihrer Tätigkeit, scheinbar mit Bedenken und mit kindlicher Vorsicht schwieg sie erst, wohl wissend dass sie einen Bereich angesprochen hatte, der seine stumme Atmosphäre über ihre Beziehung gelegt hatte, danach antwortete sie mit zunehmender Vorsicht. „Naja... du machst den Eindruck, dass es dir nicht gut geht. Seit einiger Zeit kann ich das an dir beobachten. Willst du mir nicht sagen, was der Grund hierfür ist?“ Er fühlte, dass sie sich sorgte und nach den Wurzeln seines fremden Blickes forschen wollte, vorsichtig und hilfsbereit wollte sie eine Übersicht über die verborgenen Winkel bekommen, wollte sich mit Worten an ihn heran tasten, um die Schatten unter seinen Augen zu vertreiben. Er entdeckte in dem Gesagten eine Annäherungsform, die von Liebe und Sorge angetrieben wurde und deren Absicht im Ursprung klar wird - er wusste, dass sie ihm helfen wollte und dass sie von dem Wunsch motiviert wurde, ihre gemeinsamen schönen Stunde wieder erleben zu können. Ihm war das alles bewusst, nur wusste er nicht was er sagen sollte, es schien als würde er hinter einer unsichtbaren Wand verschwinden, und diese Wand vertrieb trotz ihrer seltsamen Transparenz all sein Wissen über Ursprung und Äußerungsform seiner Gefühlswelt.

Seine Ratlosigkeit schien nicht unbemerkt zu bleiben, den nun wurde er gefragt, ob er denn nicht wisse, was mit ihm los sei. Sie schien jedoch nicht zu bemerken, dass er sich mit breiten Lücken und tiefem Unwissen auseinandersetzen musste, dass er sich hilflos und ertappt fühlte bei Verhaltensweisen, die er nicht ordentlich reflektieren konnte.

„Ich... weiß es nicht“ sagte er verloren und bewegte dabei seine Hände roboterhaft im warmen Wasser, welches sich aber gar nicht mehr so warm an fühlte wie zuvor. Er bemerkte ein seltsames Zittern in seiner Brust, welches immer seine Aufmerksamkeit suchte wenn es um ihn in Gesprächen ging, gefolgt von kaltem Schweiß auf dem Rücken. Auch das war ihm schon bekannt, nur konnte er auch dieses Symptom nur lose zuordnen. Das Zittern fühlte sich an, als sei jemand in der Brust, ein Gefangener, der aus seinem Brutkasten ausbrechen will und nervös an den Gitterstäben reist, der seine Ausbruchschancen in diesem Gespräch als die höchsten seit langem einschätzt, deswegen zerrt und reist er an der Fleischwand und tritt mit Wut gegen den Menschenkörper, dem er verzweifelt versucht zu entkommen.

Verwundert über seine Ratlosigkeit wollte sie nach haken, wollte wissen, ob er es nicht sagen wollte oder nicht sagen könnte. Sie wollte ihm helfen, und fügte hinzu, dass er nicht darüber reden müsse, wenn er nicht wolle. Tatsächlich aber wusste er in dem Moment überhaupt nicht, was mit ihm geschah und was er dachte, was er antworten könnte oder was als eine angemessene Rechfertigung galt. Seine Augen wanderten rasch zu seiner Freundin, die jedoch mit etwas anderem beschäftigt war, und wenn sie ihn mit seinen erratischen Blicken ertappt hätte, würde das Gespräch von Grund auf einen anderen Verlauf haben, denn seine Verzweiflung war in den Augen abzulesen und so offensichtlich wie ein offenes Fenster im kalten Winter, welches die wohlige, gemütliche Atmosphäre mit stechender Eisluft austauscht, zuerst ganz unbemerkt, dann mit steigender Intensität und zuletzt mit dem Todeshauch eines uralten Eisgottes. Er fühlte sich inmitten dieses intimen Gesprächs trotz aller entgegengebrachter Liebe als Fremdkörper, sein Geist und sein Körper fühlte sich einer Situation ausgeliefert, in welcher er regungslos seine Unwissenheit über die eigene Person mit ansehen musste, in welcher er die Sekunden der Stille als kalte, lautlose Schnitte empfand und in welcher er sich fühlte, als gebe es in kürzester Zeit eine innere Detonation, die ihm den Boden unter den Füßen wegreisen würde.

 

Er war nun fertig mit dem Abwasch, hatte es aber kaum realisiert, denn er fühlte sich immer noch der Hilflosigkeit ausgeliefert. Das Gespräch war in Stille ausgeklungen und das nicht gesagte wurde von ihr als Rückzug gedeutet, tatsächlich aber war das kein Rückzug, sondern ein tiefer Blick in unbeleuchtete Gebiete seiner Seelenlandschaft.

Es blieb eine Weile still, und als sie das Thema gewechselt hatten, glaubte er sich in ein wenig Entspannung wiegen zu können. Sie redeten über dies und das, freuten sich an der Oberfläche über den bevorstehenden Tag und über die freie Zeit, beide widmeten sich verschiedenen Tätigkeiten und in ihren Augen stellte sich die Atmosphäre eines schönen, warmen Sommertages ein.

In Wirklichkeit aber füllte sich der Raum mit fremder Luft und seltsamen Gefühlen von Unruhe und Nervosität. Der Gefangene in seiner Brust lag im Schatten der Einsamkeit alleine und zerstreut in Ketten, leise aber doch beängstigend wurde er scheinbar unendlich schwer, wie ein Geschwür, welches er ab heute zu hassen gelernt hatte und das ihm beigebracht hatte, seinen Hass nicht nur auf sich selbst zu richten, sondern auf die Menschlichkeit überhaupt und ihre Äußerungsformen in der Gefühlswelt und dem Handeln, in der Intimität und den zutiefst humanen, warmen und flächendeckenden Gestiken der Menschen.

Der Fanatismus ist verderblicher als der Atheismus.

Pierre Bayle (frz. Philosoph, 1647-1706)