dort im ort

Veröffentlicht von Philipp Pfitscher 02.06.2011  •  Kommentare(0)

allen war klar, dass sie unter normalen umständen die volle zeit absitzen müssten. die mauern robust, der stacheldraht bedrohlich hart.

auch frauen lieben die freiheit.

sie klettern, schützen sich mit heimlich entwendeten bettlaken vor den widerhaken, des über der anstalt thronenden metalls.

es gibt diese bornierten dinger, die springen, sich mit einem tuch schützend auf den zaun werfen, dann gegen den untergrund fallen, sich ein bein brechen, erschossen werden. ja solche gibts es.

es war der 5. märz. das jahr spielt in diesen räumlichkeiten keine rolle. die gefängnisbibliothek wurde neueröffnet. hardcovers!

es war nicht nur die bibliothek, die neue räumlichkeiten erhielt. gar ein getränkeautomat sollte in dem zubau platz finden. einer mit kleinen plastikbechern.

außerdem sollte die exklusivität der frauen in diesem sonnigen plätzchen, immerhin 4 hektar, der erde ein ende nehmen. die "damen" sollten teil eines pilotprojektes werden. frau und mann. verbrecherin und verbrecher, sollten die gleichen oberflächen der erde betretetn. innerhalb weniger zeiteinheiten.

mann und frau sollten sich ein gefängnis teilen.

der aufruhr war groß. nicht wegen des vielen anstehenden sex - auch badezimmer waren teil des unternehmens - der getränkeautomat aber stand für eine neue konsumgewohnheit. es war ein gefühl von freiheit. sich mit einem arm gegen den kasten zu legen. zu überlegen. kurz zu lächeln, ob der vielen bunten namen, in der hoffnung, was neues, süßeres, bitteres zu treffen. vielleicht würde es heute anders schmecken. "immerhin hab ich heut morgen nur vier fünftel der üblichen menge zahnpasta benützt."

6.03.xx. es gab kaffee. ein frischling. 19 jahre alt. vielleicht erst 12. wir wussten es nicht. wir saßen zu dritt im hof. amelie rauchte. der kleine kam mit einem tablett angehumpelt. sein hintern tat ihm offensichtlich weh. wir dankten und tranken poetisch. mit einem schwenk zeigte sein kinn auf einen block muskelbepackter, kahlrasierter männer: "bring's dem fotzentrakt", meinte der nach außen hin wohl dümmste feldweg.

Geschichte ist nichts anderes als die Unfallchronik der Menschheit.

Charles Maurice de Talleyrand