Ich werde es ihr sagen

Veröffentlicht von Stefanie Stecher 30.05.2011  •  Kommentare(0)

 

Ich sehe nichts. Es ist dunkel. Stockdunkel. Ich bin allein. Kann mich nicht daran erinnern, wo ich bin oder wie ich hierhergekommen bin. Ich spüre, dass ich mein schönstes Kleid trage. Mama sagt immer, dass ich damit nicht herumtollen darf, obwohl sie weiß, dass ich ohnehin zu schwach dafür wäre. Mama…

Wo bin ich? Ich liege. In einer Kiste wahrscheinlich, es ist eng hier. Ich trage Schuhe, bin zugedeckt. Auf meinem Bauch liegt ein Kreuz, neben mir mein Kuscheltier. Mama?

Ich will schreien, doch es geht nicht. Schmerzen habe ich keine, endlich. Sicher bin ich noch im Krankenhaus. Doch wieso liege ich in einer Kiste?  Und wieso die Schuhe? Wer hat sie mir angezogen? Und wo bist du? Mama

Ich bleibe wach, Mama kommt nicht. Niemand kommt. Ich stehe ich auf und gehe fort. Durch die Kiste. Das war ganz einfach. Suche Mama.

Finde sie. Sie weint. Papa weint. Mein Bruder und meine Schwester weinen. Ich gehe zu ihnen, sie beachten mich nicht. Rede mit ihnen, bekomme keine Antwort. Sie sehen mich nicht. Ich tapse zu meiner Mutter und umarme sie. Spüre langsam, wie ihr Herzschlag ruhiger wird und das Weinen sanfter. Ich sehe, dass sie ein Bild von mir in der Hand hält.

Ich lache. Hinter mir glitzert das blaue Meer, um mich herum nur Sand. Schneeweißer Sand. Urlaub. Ich bin gesund. Meine langen schwarzen Haare fliegen im Wind.

Kerzen stehen im Raum. Mama hat noch nie Kerzen angezündet. Wieso macht sie es jetzt?

Ich gehe in mein Zimmer, alles ist noch gleich und doch fühle ich mich nicht mehr wohl hier. Ich laufe zum Spielplatz. Will mit den anderen Kindern spielen, bis meine Familie nicht mehr weint. Um sechs Uhr muss ich zu Hause sein. Paul und Jana sind ein Jahr älter, die dürfen bis sieben Uhr draußen bleiben.  Nächstes Jahr darf ich das auch. Wenn ich dann wieder gesund bin…

Auf dem Spielplatz ist niemand. Auch nicht Sara und Sophie, meine besten Freundinnen. Sonst sind sie doch immer hier. Egal, dann spiel ich eben alleine. Rutsche. Schaukle. Allein macht es keinen Spaß…

 Ich renne wieder nach Hause. Mama weint noch immer. Papa ist nicht mehr hier. Wahrscheinlich arbeiten. Paul und Jana sind auch fort. Vielleicht spielt Mama mit mir.

Bei meinem letzten Geburtstag, ich bin sechs geworden, hat sie mir eine wunderschöne Puppe geschenkt, Clara. Wir haben oft mit ihr gespielt. Ich frage sie, sie antwortet nicht, schaut durch mich hindurch. Mama?

Ich will dir sagen, dass ich gesund bin, keine Schmerzen mehr habe. Hör mir doch zu! Es geht mir immer besser, ich muss an nichts mehr denken. Werde immer leichter… Gehe fort.

Ich liege wieder. Diesmal in einer Wiege. Hier war ich schon mal, als ich noch klein war. Doch jetzt bin ich groß… Du brauchst mich nicht mehr in eine Wiege legen, Mama, will ich sagen. Sie hört mir nicht zu, versteht mich wieder nicht. Hebt mich auf und küsst mich. Wie ein Baby.

 Langsam wachse ich, werde größer. Jeden Tag vergesse ich mehr. Doch Mama fängt an, mich zu verstehen. Paul und Jana gehen schon in die Schule. Wie damals. Mir gefällt es noch immer im Kindergarten. Endlich komme auch ich in die Schule. Lerne lesen und schreiben. Hier kann ich mich an nichts mehr erinnern, bin zum ersten Mal da.

Im Sommer fahren wir in den Urlaub. Nach Italien. Paul und Jana wollten unbedingt ans Meer fahren. Wir bleiben drei Wochen. Haben viel Spaß. Schwimmen und toben. „Ciao, bella!“, ruft der Bademeister jeden Morgen, wenn er mich sieht. Ich lache nur und binde meine schwarzen Haare zu einem Zopf. Mama hat mir gesagt, dass er Italienisch spricht. Die Sprache gefällt mir, klingt lustig. Am letzten Abend macht Mama Fotos von uns. Am Meer. Papa zieht Grimassen, ich muss lachen. Mama knipst ab. Auf dem Bild gefallen mir meine Haare. So schön schwarz. Papa meint, dass das sein Lieblingsbild von mir ist. Alles ist so schön, mein Lachen, das blaue Meer hinter mir und der weiße Sand, der mich umgibt.

Am nächsten Morgen fahren wir früh los. Während der Fahrt wird mir schlecht. Wieder mal. Ich muss mich übergeben und bin müde.

Zuhause wird es immer schlimmer, in der Schule werde ich schlechter. Werde immer dünner. Habe Schmerzen.

Mama schleift mich ins Krankenhaus. Krebs. Mama weint.

Von nun an bin ich nur noch im Krankenhaus. Chemotherapie. Das Wort ist schwer auszusprechen, doch ich höre es so oft, dass ich es irgendwann aussprechen kann. Verstehe aber nicht genau, was das ist. Gesund soll es mich machen. Schwächer werde ich.  Meine wunderschönen schwarzen Haare fallen aus. „Das muss so sein“, hat mir Mama versprochen.

Papa, Jana und Paul kommen mich oft besuchen, doch es  kommt mir so vor, als ob sie Angst vor mir hätten. Ich kann sie doch nicht anstecken.

Mir geht es immer schlechter. Mama weint oft. Sie will nicht, dass ich es mitbekomme, weint nur wenn ich schlafe. Doch ich merke es. Sie tut mir leid. Ich will ihr sagen, dass sie nicht weinen soll, doch ich schlafe ein.

Ich werde es ihr sagen, wenn ich erwache.

 

 

Uns greift ein auf der Straße verwesetes Vogelgerippe an, aber keines, das auf unserm Teller liegt.

Jean Paul