Unser Messer

Veröffentlicht von Stefanie Stecher 30.05.2011  •  Kommentare(0)

Mein Messer. Dein Leben.

Das Messer in meiner Hand heißt Vorurteil. Du hast verdient, dass ich zusteche.

Kennst mich nicht, doch ich weiß, dass du schlecht über mich redest. Hast noch kein Wort mit mir gewechselt, weil ich anders bin als du. Doch jetzt bin ich der, der das Messer hält.

Das Messer in meiner Hand heißt Hass. Du hast verdient, dass ich zusteche.

Noch nie hast du mich richtig beachtet, manchmal bestrafst du mich mit einem kalten Blick. An anderen Tagen sehe ich, wie du über mich lachst.Doch jetzt habe ich das Messer.

 

Das Messer in meiner Hand heißt Liebe. Du hast verdient, dass ich zusteche.

Ich liebe dich, du kennst nicht mal meinen Namen. Aber ich weiß, dass du es so willst. Sehnst dich nach dem Schmerz, den mein Messer auf deiner Seele hinterlassen wir. Der Schmerz wird dich stärker machen, du wirst mir das Messer aus der Hand nehmen und selbst zustechen.

Es ist deine Schuld. Dein Messer. Mein Leben.

 

Dein Leben. Meine Entscheidung.

Unser Gefecht mit dem einen Messer dauert nun schon Millionen von Jahren an. Wir stärken und schwächen uns gegenseitig. Keiner von uns wird je verlieren oder gewinnen. Es sei denn, einer  von uns rammt sich das Messer selbst in die Seele. Dann wird der Gewinner einen neuen Gegner finden, doch das Messer wird dasselbe sein.

Du könntest das Messer auch fallen lassen und nicht wieder aufheben, unser beider Leben wäre gerettet. Doch dazu brauchst du Mut. Ich habe ihn nicht, wegen dir.

Es ist deine Schuld. Mein Leben. Deine Entscheidung.

 

Mein Messer. Dein Tod.

Du springst vom Dach deines Hauses, wirst sterben. Während du fällst, sehe ich mein Messer, das in deinem Rücken steckt. Doch du bist gesprungen.

Du gehst ins Wasser, wirst sterben. Doch du bist nicht allein, mein Messer ist bei dir. Habe keine Angst, ich sehe wie es aus deiner Brust ragt. Doch du bist ins Wasser gegangen.

Du rast auf den Baum zu, wirst sterben. Ich sehe dich nicht, stehe neben dir, es ist nur mein Messer, das ich sehe. Es wurde in dein Herz gestoßen. Doch du bist losgefahren.

Dreimal bist du nun schon gestorben. Mein Messer war immer dasselbe, du warst es nicht.

Es ist meine Schuld.

Aber auch ich bin schon gestorben, weiß nicht, wie ich es damals gemacht habe, aber ich weiß, dass dein Messer da war. Es lähmte mich, zwang mich dazu mich umzubringen.

Es ist unsere Schuld.

Es ist merkwürdig, daß ein mittelmäßiger Mensch oft vollkommen recht haben kann und doch nichts damit durchsetzt.

Christian Morgenstern